Freiheit
Frei – endlich frei! Urlaub an der Nordsee. Unendliche Weite umfängt mich. Sanft streicht der Wind über meine Haut, während ich das alte und etwas klapprige Fahrrade mit ruhigen Tritten vorwärtstreibe. Die Lasten des Alltags sind von mir abgefallen. Ich habe sie hinter mir gelassen, schalte völlig ab und genieße den Urlaub in vollen Zügen! Keine Sorgen lasten auf mir, die Gedanken lasse ich treiben. Sie werden wie die weißen Wolken am Himmel vom Wind beiseite getragen. Die Sonne bricht sich allmählich ihren Weg durch die mächtigen Wolkenberge, die Strahlen beginnen meine Haut zu wärmen. Letzte Regentropfen am Wegesrand verdunsten in der kräftiger werdenden Morgensonne.
Ich löse meinem Blick von den Blumen am Rande des Weges und lasse ihn in die Ferne schweifen. Tief sauge ich die klare und reine Seeluft ein, bis meine Lunge vollständig gefüllt ist. Mein Brustkorb weitet sich, fast ist es, als würde er vor Freude platze. Umgeben von schützenden Deichen finde ich Raum für meine Seele – ohne Gefahr, mich zu verlieren. Zur rechten Seite des Radweges taucht am Horizont eine lange, gerade Baumreihe aus. Ihre feinen Konturen sind wie von Malerhand gezeichnet, sie verschmelzen mit Deich und Himmel. Auch die weißen Windkraftanlagen, die Windmühlen der modernen Zeit, die vereinzelt in den Feldern stehen, fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Sie versehen unaufgeregt ihr Tagwerk, gleich den Menschen, die hier vor Ort leben……
Bei meinem Ausflug lass ich mich durch das immer wieder neue Spiel von Licht, Farbe und Form tragen, bis ich den Deich erreicht habe. Welch krasser Gegensatz zu dem Grün – das Grau des Wattenmeers! Es ist Ebbe, das Wasser hat sich weit vom Land zurückgezogen. Ich ziehe meine Schuhe aus und gehe barfuß durch das an einigen Stellen noch feuchte Gras ans Ufer. Dort spielen Kinder. Sie ziehen mit Plastikschaufeln Gräben um Burgen, die sie aus dem Watt aufbauen. Die älteren Kinder wetteifern darum, die größte und höchste Burg zu errichten……
Ich bin inzwischen schon weit in das Watt hineingegangen und habe einige Priele durchquert. Vom fernen Strand sind ab und zu Kinderstimmen zu hören, sie lachen. ..…..
Die Flut kommt langsam, es ist Zeit, umzukehren. Ein paar Meter vor dem Ufer holt mich die Flut ein. Das Wasser beginnt meine Füße zu umspielen. Leise beginnen die ersten Wellen, noch ganz sachte, an den ersten Mauern, welche die Strandburgen in einem äußeren Ring umgeben, zu nagen. Nach und nach weichen die Fundamente von unten her auf. …..
Wenn die Ebbe später das Watt wieder freigibt, wird nichts mehr auf die einstige Existenz der Bauwerke hinweisen. ….
Was wird von den Werken und Errungenschaften unserer Zeit, auf die wir so stolz sind, die Jahrhunderte überdauern? Von den längst versunkenen Kulturen blieb ist zum heuten Tag nur wenig übrig. Manche sind spurlos im Mahlstrom der Zeit versunken.
Mächtige, scheinbar unbesiegbare Reiche entstanden. Sie erreichten eine große Machtfülle und rangen mit Feinden um ihren Fortbestand. Doch am Ende zerfielen sie ins Nichts. Neues wurde auf den Trümmern des Alten errichtet.
Rüdiger Schaller, Autor des Buches „In die Stille“
01.03.2026
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