Träume sind Schäume. So die Worte eines älteren Mannes, dem Lebensende nahe. Traurig und verbittert. In sehr jungen Jahren wurde er noch in den letzten Tagen in den Krieg geschickt. Verwundet und dann Aufbau aus den Trümmern, Leben sollte gelingen. Irgendwie.
Lange brauchte ich um zu erkennen, was die Bedeutung des Wortes „Schäume“ bedeutet. Die Gicht der Wellen am Meer bricht sich, dann lösen sich die Schäume der Brandung auf. Ins Nichts. Was waren seine Träume, was war sein Lebenstraum? Fragen wollte ich ihn, doch mehrere Schlaganfälle nahmen ihm das Sprachvermögen.
Sind es Träume, die heute in Bucketlists gegossen werden? „Da musst Du unbedingt hin, dass musst Du erlebt haben. Die tollsten Plätze der Welt, die man gesehen haben muss“. Alles soll abgearbeitet werden. Unbenommen: Es ist schön, sich das leisten zu können und zu erleben. Doch danach muss oft der nächste „Kick“ kommen. Das lenkt ab von dem ab, was ich mir zutiefst im Inneren meines Herzens wünsche.
Was wünsche ich mir zu tiefst von Herzen? Vielleicht ist es auch etwas, dass die Zeiten überdauert und mich in Verbindung mit etwas Größerem bringt, als ich es bin?
Es klingt doch so gut, so einfach: Lebe Deine Träume, das Leben ist kurz; das ist zwar eine Binsenweisheit, doch erst durch Unfall, Krankheit oder auch das zunehmende Alter rückt die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit tiefer ins Bewusstsein und wird real. Oft ist dann zu spät um noch den einen, den großen Traum zu leben.
Vielleicht es ja so mit unseren Träumen, wie mit dem Baum der guten Vorsätze. An dem gibt es viele Blüten aber er bringt nur wenige Früchte (nach Konfuzius). Was bringen wir nach Silvester von unseren Vorsätzen in Leben? Was setzen wir dauerhaft um?
Was hält uns im Leben von allem Wesentlichen ab? Mit Blick auf die Träume: Es ist die eigene Komfortzone. Sie ist der Tod der Träume.
Die Komfortzone. Hier geht es mir gut, ich habe mich eingerichtet im Leben. Anforderungen im Job, privat und mehr. Wir leben in einer Zeit, die eine gewisse Hyperaktivität in vielen Lebensbereichen fördert. Doch wo bleibe ich? Nehme ich mir noch Zeit für mich? Stille Zeiten. Zeiten der Ruhe, der Kontemplation. Ein beschauliches Nachdenken, eine innere Sammlung und Fokussierung auf das Wesentliche.
Nun, die Beharrungskräfte des Alten, der Prägungen unserer Herkunft, sie sind sehr wirkmächtig. Lüge und Selbstlüge, sie führen uns zu Selbstbetrug – alles fällt unter den Mantel der Gemütlichkeit. Das bringt uns zu einer beschaulichen Wirklichkeit, unter dem Mantel der mutwilligen Erinnerungslosigkeit. Ein lautloser Übergang der Lebenslüge zum Selbstbetrug.
Und nun? Eine Innenschau, Schicht um Schicht der alten Prägungen und auch möglicher emotionaler Verletzungen abtragen. Dann gilt es, die Liebe die mir von Anbeginn gilt, wahrzunehmen. Daraus dann daraus Handeln. Das ist ein Weg, der zwar schwer ist, aber jenseits des Mainstreams begangen werden kann. Wenn man das will. Dieser Weg, der führt nach Hause. Und zu etwas, das größer ist als wir.
An dieser Stelle: Wie wäre es – als Gedankenexperiment - wenn wir uns etwas weniger wichtig nehmen in dieser Welt und darauf basierend das Wesentliche tun im Leben?
Rüdiger Schaller
Autor des Buches "In die Stille".
04.11.2026
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